„(…) Die österreichische Bundesregierung hat bis jetzt keine Vorlage in dieses Haus eingebracht, um die Lohntransparenz auch auf nationaler Ebene umzusetzen – und das finde ich sehr bedauerlich. Mein flammender Appell an Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der Regierungsfraktionen: Bitte nehmen Sie Einfluss auf Ihre Bundesregierungsmitglieder, es ist höchste Zeit für Lohntransparenz!“ (Beifall bei der SPÖ.)
In diesem Statement bezieht sich die SPÖ-Abgeordnete Karin Greiner auf die Entgelttransparenzrichtlinie der EU, die mehr Lohntransparenz schaffen und damit zu einer Verringerung des Gender Pay Gaps beitragen soll. Das Zitat stammt aus einem Redebeitrag in der 264. Sitzung des Nationalrats vom 16. Mai 2024 (264/NRSITZ), als die SPÖ noch in Opposition war.a
Es dauerte über zwei Jahre und einen Regierungswechsel, bis ihre Parteikollegin und nun zuständige Ministerin Korinna Schumann (ebenfalls SPÖ) – wenige Tage vor dem offiziellen Inkrafttreten der Richtlinie auf EU-Ebene – einen Gesetzesentwurf ankündigte und pünktlich zum 7. Juni 2026 vorlegte.
JOBBERIE fasst die Diskussion der vergangenen Tage zusammen und gibt einen Überblick zu diesem wichtigen Thema.
1. Hintergrund und Ziel der Richtlinie
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie (Richtlinie 2023/970/EU) wurde auf europäischer Ebene verabschiedet mit dem Ziel, den Gender Pay Gap zu bekämpfen und den Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit in der Praxis durchzusetzen. Die Frist zur nationalen Umsetzung lief am 7. Juni 2026 ab. Die JOBBERIE berichtete Ende 2025 ausführlich zum Thema.
Die Richtlinie verpflichtet Unternehmen zu mehr Transparenz bei Gehältern und Lohnstrukturen. Sie soll Lohnungleichheiten zwischen Frauen und Männern sichtbar machen und Arbeitnehmer:innen bessere Möglichkeiten geben, Diskriminierung bei der Entlohnung zu erkennen und rechtlich vorzugehen. Bewerber:innen sollen, bevor sie einen Dienstvertrag unterschreiben oder in ernste Gespräche eintreten, wissen, welche Gehaltsspanne sie erwartet.
Eine solche Richtlinie ist in Österreich notwendig: Deloitte Österreich belegt in einer Studie, dass die Höhe des Einkommens in Österreich nach wie vor ein Tabuthema ist. Das Unternehmen präsentierte Ende April eine Studie unter rund 500 Unternehmensvertreter:innen, die belegt, dass über ein Viertel (28 %) derzeit keine Informationen zum durchschnittlichen Entgelt an die Mitarbeitenden weitergeben, für ein Fünftel (21 %) ist diese Einsicht lediglich auf Anfrage möglich. (1)
2. Kerninhalte der Richtlinie
2.1 Transparenzpflichten bei Stellenausschreibungen
- Unternehmen müssen bei Stellenausschreibungen eine Gehaltsangabe oder -bandbreite angeben.
- Bewerberinnen und Bewerber haben Anspruch auf Informationen über Entgeltspannen vor dem Bewerbungsgespräch.
- Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dürfen Kandidatinnen und Kandidaten nicht mehr nach ihrem bisherigen Gehalt fragen.
2.2 Berichtspflichten für Unternehmen
- Unternehmen ab 100 Beschäftigten müssen regelmäßig über geschlechtsspezifische Lohnunterschiede berichten. Derzeit herrscht bereits Lohnberichtspflicht bei Unternehmen ab 150 Mitarbeiter:innen.
- Bei einem Lohngefälle von mehr als 5 % ist eine gemeinsame Entgeltbewertung mit der Arbeitnehmervertretung vorgeschrieben.
- Die Berichte sind öffentlich zugänglich zu machen beziehungsweise an die zuständige Behörde zu übermitteln.
- Betriebe, die bereits nach Kollektivvertrag entlohnen, müssen keine eigene Gehaltsstruktur entwickeln, sondern können sich auf das Entgeltsystem des jeweils geltenden KV stützen. Durch die hohe Dichte an Kollektivverträgen verfügen in Österreich zirka 98 Prozent der Angestellten über einen Kollektivvertrag. Somit müssen die meisten Unternehmen in puncto Gehaltsstruktur wenig tun.
2.3 Auskunftsrechte der Beschäftigten
- Arbeitnehmer:innen haben das Recht, Informationen über ihr individuelles Entgeltniveau sowie über die durchschnittlichen Entgeltniveaus vergleichbarer Beschäftigtengruppen zu erhalten – aufgeschlüsselt nach Geschlecht.
- Dieser Anspruch gilt auf individuelle Anfrage und ohne aufwändiges Verfahren.
- Geheimhaltungsklauseln, die verbieten über das eigene Gehalt zu sprechen, sind unwirksam und unzulässig.
2.4 Durchsetzung und Sanktionen
- Mitgliedstaaten müssen wirksame, verhältnismäßige und abschreckende Sanktionen bei Verstößen vorsehen. Wie diese aussehen, ist noch offen.
- Beschäftigte, die diskriminiert wurden, können Schadensersatz einfordern.
- Die Beweislast kehrt sich um: Arbeitgeber:innen müssen nachweisen, dass keine Diskriminierung stattgefunden hat.
2.5 Österreichischer Umsetzungsentwurf (Stand 7. Juni 2026)
Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) legte zum7. Juni 2026 – pünktlich zur EU-Umsetzungsfrist – einen Gesetzesentwurf in die politische Koordinierung der Bundesregierung ein. Eine Einigung mit den Sozialpartner:innen war bis dahin nicht zustande gekommen, obwohl laut Ministerium zahlreiche Gespräche in den Entwurf eingeflossen seien. Es wurde berichtet, dass bereits seit mehr als zwei Jahren an einem Entwurf gearbeitet wurde. Das Ministerium betonte, der Entwurf sei nicht provokant. Beim Thema Einkommensberichte habe es einen Kompromiss mit den Sozialpartner:innen gegeben. Dem Argument der überbordenden Bürokratie wurde entgegen gehalten, dass bereits aktuell Unternehmen ab 150 Arbeitnehmer:innen Einkommensberichte erstellen müssen. Kleine Betriebe seien von der Verpflichtung ausgenommen.

3. Positive Rückmeldungen / Befürworter:innen (nicht chronologisch)
SPÖ (Arbeitsministerin Schumann, SPÖ-Bundesgeschäftsführer Seltenheim, SPÖ-Frauen Wien)
Die SPÖ steht klar hinter der Umsetzung der Richtlinie. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim bezeichnete die Umsetzung als Gebot der Stunde und kritisierte IV-Präsident Knill für dessen ablehnende Haltung als fortschrittsfeindlich. Sein Argument: Wer fair bezahlt, braucht keine Angst vor Transparenz zu haben. Ferner wehrte sich Seltenheim gegen Forderungen eines Pensionsantritts mit 70:“ „Ich kann es nur wiederholen: Arbeiten bis 70 wird es mit der SPÖ nicht geben! Diese Forderung ist verantwortungslos und völlig realitätsfremd“ (2) Die Anhebung des Pensionsantrittsalters hat nichts mit der Entgelttransparenzrichtlinie zu tun. Da Seltenheim jedoch auf die Haltung der IV repliziert, positioniert er die SPÖ auch in diesem Punkt. Das Anheben des Pensionsantrittsalters ist eine Forderung von Herrn Knill.
Die SPÖ-Frauen Wien begrüßen den Vorstoß als wichtigen Schritt im Kampf gegen die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern. Sie sehen die Regelungen als entscheidendes Instrument auf dem Weg zu echter Gleichstellung am Arbeitsmarkt. „Wir stehen klar auf der Seite der Frauen. Die geplanten Regelungen schaffen mehr Transparenz bei Gehältern und sind ein entscheidendes Instrument auf dem Weg zu echter Gleichstellung am Arbeitsmarkt“, betonte die Vorsitzende der Wiener SPÖ Frauen, Marina Hanke. (3)
Vizebürgermeisterin und Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak betont: „Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie ist ein wichtiger Schritt für mehr Lohntransparenz, aber auch für mehr Rechtsklarheit, Fairness und Gleichstellung. Wer hier Zurückhaltung fordert, verlangt auch Zurückhaltung beim Schutz vor struktureller Benachteiligung. Für uns ist klar: Gleichstellung ist keine übererfüllte Norm. Sie ist Ausdruck eines demokratischen Gleichheitsversprechens. Wer Talente fair entlohnt, stärkt Vertrauen, Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft unseres Standorts.“ (3)
ÖGB / Unabhängige Gewerkschafterinnen (UG im ÖGB)
Am Weltfrauentag 2026 (6. März) forderten die Unabhängigen Gewerkschafterinnen im ÖGB unter Bundesvorsitzender Marion Polaschek die sofortige Umsetzung unter Einbindung der Sozialpartnerschaft. Das Argument: Frauen zahlen jeden Tag für die Verzögerung – mit verlorenen Einkommen, verpassten Karriereschritten und in den schlimmsten Fällen mit steigendem Gewaltrisiko und dem Abgleiten in die Armutsfalle. „Frauen haben Anspruch auf gleiche Bezahlung und Fairness – schon immer und jetzt erst mit Recht. Jetzt ist Schluss mit dem geduldigen Warten! Jede Woche, die hier vergeht ist noch eine Woche mehr Ungleichheit auf dem Rücken der Frauen“, betonte Polaschek.(4)
Die Grünen / Inhaltlich richtig, Kritik an Regierung und Wirtschaftskammer
Die Grünen äußerten sich bereits Ende Mai zur Dauer der Verhandlungen und befürchteten, dass der Gesetzesentwurf nicht rechtzeitig fertig werden würde. Inhaltlich gibt es an der Richtlinie keine Kritik, da es sich für die Grünen um die wichtigste Gleichstellungsmaßnahme der letzten Jahre handelt.
Der Regierung wirft Frauensprecherin und Abgeordnete zum Nationalrat Meri Disoski Untätigkeit vor. Sie spricht desweiteren von Sabotage und wirft der Wirtschaftskammer Panikmache vor: „Die permanente Panikmache vor Transparenz und angeblicher Bürokratie dient nur einem Zweck: bestehende Ungerechtigkeiten aufrechtzuerhalten. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch keinen Grund, bei Lohntransparenz auf die Barrikaden zu steigen.“ (14)
Grüne, NEOS und SPÖ stimmten im EU-Parlament für sie Richtlinie. Sie betonen insgesamt folgende Kernargumente:
- Lohntransparenz ist ein wirksames Instrument gegen den nach wie vor bestehenden Gender Pay Gap.
- Die EU-Richtlinie setzt einen längst überfälligen Rechtsrahmen für faire Bezahlung.
- Österreich ist zur fristgerechten Umsetzung verpflichtet.
- Wer fair bezahlt, hat keinen Grund, Transparenz zu fürchten.
4. Negative Rückmeldungen / Kritiker:innen (nicht chronologisch)
Johanna Mikl-Leitner (ÖVP)
Die Landeshauptfrau von Niederösterreich, Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) warnt vor einem „neuen Bürokratiemonster“. Sie möchte die „Stopptaste“ drücken und die Richtlinie überarbeiten lassen. Das Interessante am Statement ist, dass Mikl-Leitner unmittelbar vor ihrer ersten Amtszeit als Landeshauptfrau von 2011 bis 2016 als geschäftsführende Bundesobfrau des Österreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbundes (ÖAAB) fungierte. Sie übernahm die Arbeitnehmer:innenorganisation der Volkspartei (ÖVP), um die Arbeitnehmer- und Sozialpolitik der Partei zu prägen. 2012 sorgte die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bei ihrer Wahl zur ÖAAB-Chefin mit dem Spruch „Her mit dem Zaster, her mit der Marie!“ für Aufsehen. Interessanter Fakt: Die EU-Abgeordneten der ÖVP stimmten komplett gegen die Entgelttransparenzrichtlinie mit Ausnahme von Othmar Karas.
Industriellenvereinigung (IV)
Die IV meldete sich mit mehreren Aussendungen als lautester Kritiker zu Wort. Sie bekennt sich zwar zum Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit, lehnt aber die konkrete Umsetzungsform scharf ab:
- Warnung vor einer Bürokratielawine durch überschießende Berichtspflichten und enormen Verwaltungsaufwand.
- Kritik an Gold Plating: Der österreichische Entwurf gehe über die EU-Mindestanforderungen hinaus, statt möglichst schlank umzusetzen. Mit Gold Plating meint man generell die Übererfüllung von EU-Vorgaben
- Gefährdung des österreichischen Kollektivvertragssystems durch neue Parallelstrukturen. IV-Generalsekretär Neumayer „Unsere Kollektivverträge funktionieren. Zusätzliche komplexe Bewertungssysteme und neue Dokumentationspflichten würden unser Kollektivvertragssystem torpedieren und schaffen vor allem mehr Bürokratie sowie Rechtsunsicherheit.“ (7)
- Forderung nach Stop-the-Clock – einer europäischen Fristverlängerung zur Überarbeitung der Richtlinie.
- Vorwurf, das Ministerium handle über eine tragfähige Sozialpartnereinigung hinweg. IV Generalsektretär: „Anstatt die europäischen Mindestvorgaben praxistauglich umzusetzen, droht damit ein weiteres Bürokratiemonster von der Leine gelassen zu werden“. (5)
Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ – Danninger und Menz)
WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger übt scharfe Kritik. Der bis 2025 geschäftsführende Klubobmann der ÖVP im niederösterreichischen Landtag meint, dass das Arbeitsministerium die Sozialpartner:innen übergangen habe, indem es einen Entwurf ohne Einigung in die politische Koordinierung schickte. Die Verhandlungen hätten weiter geführt werden müssen. Außerdem fordert er mehr Zeit für die Umsetzung: „Eine vernünftige Lösung braucht Zeit. Die Lohntransparenz-Richtlinie bringt für die Unternehmen enormen Bürokratieaufwand mit sich und daher darf hier nichts überstürzt werden. Solange nicht sichergestellt ist, dass dem Bürokratiemonster die schlimmsten Zähne gezogen sind, können wir dem Entwurf zur Umsetzung nicht zustimmen“ (9)
WKÖ-Industrie-Obmann Sigi Menz kritisiert, dass der Entwurf die Einwände der Arbeitgeberseite ignoriere. Doppelstrukturen würden Rechtsunsicherheit schaffen und eine Bürokratielawine auslösen. Er sieht auch die Sozialpartnerschaft übergangen: „Die österreichische Sozialpartnerschaft war in Fragen der Lohnfindung und des sozialen Friedens immer Vorbild für weite Teile Europas. Daran gilt es festzuhalten“ (10)
Wirtschaftsbund (WB – Graf)
WB-Generalsekretärin und Nationalratsabgeordnete Tanja Graf (ÖVP) wirft Ministerin Schumann ebenfalls vor, mit ihrem Alleingang die Sozialpartnerschaft und bewährte Kollektivvertragsstrukturen zu gefährden. Anstatt Gespräche zu einem tragfähigen Ergebnis zu führen, nehme sie das Scheitern einer gemeinsamen Lösung bewusst in Kauf. Sie sieht den Alleingang von der zuständigen SPÖ-Ministerin Schumann kritisch: „Wer die Sozialpartner ernst nimmt, sucht das Gespräch und keine Alleingänge. Mit uns wird es diese Politik nicht geben.“ (11)
NEOS (Hofer/Brandstötter)
Die NEOS stimmten im EU-Parlament für die Entgelttransparenzrichtlinie und positionierten sich am 28. Mai 2026 mit einem Mittelweg: Sie befürworten das Ziel der Lohntransparenz, fordern aber eine Überarbeitung der Richtlinie auf europäischer Ebene. Das Scheitern der Sozialpartner:innen-Verhandlungen in mehreren EU-Ländern (Österreich, Schweden, Italien) zeige, dass die Richtlinie in ihrer derzeitigen Form nicht umsetzbar sei.
NEOS schlagen eine Fristverlängerung (Stop the Clock) vor. Frauensprecherin Henrike Brandstötter geht konform mit den Zielen der Richtlinie. Ihr Kollege Markus Hofer, Wirtschaftssprecher der NEOS, sieht vor allem die individuelle Auskunftspflicht als zentral an:„Mehr Transparenz bei Gehältern ja, aber keine Berichtslawine. Aus unserer Sicht muss vor allem das individuelle Auskunftsrecht rasch und wirksam gestärkt werden. Das individuelle Auskunftsrecht ist der wirksame Kern der Entgelttransparenz: Beschäftigte sollen nachvollziehen können, ob sie für gleiche oder gleichwertige Arbeit fair bezahlt werden, das stärkt unmittelbar die Beschäftigten. Pauschale Berichtspflichten hingegen produzieren nur Zettelwirtschaft, keine bessere Bezahlung. Letzteres sollte auch der Gewerkschaft ein Anliegen sein.“ (12)
Österreichische Hotelvereinigung (ÖHV)
Die ÖHV forderte am 6. Mai 2026 zurück an den Start und sieht in der Richtlinie dieselben Fehler wie bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung: Die Praxis werde nicht ausreichend eingebunden. Die Branche befürchtet eine neue Bürokratielawine für Betriebe. Walter Veit, Präsident der österreichischen Hotelvereinigung, fordert den versprochenen Bürokratieabbau einzuhalten:“Auch sie hat uns Bürokratieabbau versprochen. Sie muss in Brüssel durchsetzen, dass der Prozess gestoppt und die Richtlinie grundlegend überarbeitet wird. Wir müssen Praktiker:innen einbinden. Nur sie können verhindern, dass da nur noch mehr sinnlose Bürokratie auf uns zukommt!“ (13)
FPÖ (Belakowitsch)
Die Position der FPÖ ist recht ambivalent. Dennoch müssen sie als Gegner:innen der Richtlinie angesehen werden, zumal die Abgeordneten der FPÖ im EU-Parlament gegen die Richtlinie stimmten. FPÖ-Arbeits- und Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch wirft der ÖVP-SPÖ-NEOS-Koalition vor, die Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie absichtlich zu verzögern – nicht aus Unvermögen, sondern um Netzwerke, Versorgungsposten und Günstlingswirtschaft in parteinahen Strukturen vor Kontrolle zu schützen.
Die Uneinigkeit der Regierungsparteien sei ein inszeniertes Ablenkungsmanöver. Besonders kritisiert sie SPÖ-Ministerin Schumann, die die Richtlinie erst als essenziell gelobt, dann aber monatelang keinen Entwurf vorgelegt habe. Österreich riskiere damit ein EU-Vertragsverletzungsverfahren – während dieselbe Koalition ein solches Verfahren bei anderen Themen (z. B. Sozialhilfestopp für Asylwerber) stets als Ausrede verwende. Die Entgelttransparenzrichtlinie an sich wird nicht kritisiert. Belakowitsch nimmt sie zum Anlass, andere Themen zu platzieren:“„Wir Freiheitliche sind die einzige Kraft, die für echte Transparenz steht – nicht nur bei den Unternehmen, sondern vor allem im aufgeblähten öffentlichen und halbstaatlichen Sektor. Dazu gehört natürlich auch, dass sowohl Frauen als auch Männer für die gleichen Tätigkeiten gleich bezahlt werden müssen. Da hilft kein Gendern, sondern nur Transparenz. Als soziale Heimatpartei werden wir uns mit einem Volkskanzler Herbert Kickl genau dafür stark machen!“ (15)
Hauptkritikpunkte der Gegner:innen im Überblick:
- Bürokratielawine: übermäßige Berichtspflichten und Verwaltungsaufwand für Unternehmen.
- Gold Plating: Österreich setze die Richtlinie strenger um als der EU-Mindeststandard erfordert.
- Gefährdung des Kollektivvertragssystems und der Sozialpartnerschaft.
- Alleingang des Ministeriums ohne Einigung der Sozialpartner.
- Rechtsunsicherheit durch Doppelstrukturen.
- Forderung nach europäischer Fristverlängerung / Stop the Clock.
- Ablenkungsmanöver zur Sicherung der Günstlingswirtschaft (FPÖ)
5. Chronologie 2026
| Datum | Akteur | Ereignis / Aussage |
| 12. Januar 2026 | Michel Reimon (ehem. Abgeordneter im Nationalrat und im EU-Parlament für die Grünen) | Michel Reimon spricht von einem „Gamechanger“ und veweist auf neue Pflichten für Unternehmen und Auskunftsrechte für Beschäftigte. Er warnt davor, dass die Bundesregierung bei nationaler Umsetzung deutlich in Verzug sei und dass eine „ruckartige Transparenz“ Konfliktpotenzial berge. |
| 6. März 2026 | Die Unabhängige Gewerkschaft im ÖGB | Am Weltfrauentag fordert die UG im ÖGB die sofortige Umsetzung der Lohntransparenzregeln. Frauen könnten nicht länger warten. |
| 20. April 2026 | Industriellenvereinigung | IV warnt erstmals öffentlich vor massiver Bürokratiebelastung. Fordert praxistaugliche Umsetzung ohne Gold Plating und Anerkennung des Kollektivvertragssystems. |
| 23. April 2026 | Deloitte | Deloitte Studie unter rund 500 Unternehmensvertreter:innen zeigt, dass über ein Viertel (28 %) keine Informationen zum durchschnittlichen Entgelt an die Mitarbeitenden weitergibt, für ein Fünftel (21 %) ist diese Einsicht lediglich auf Anfrage möglich |
| 6. Mai 2026 | Österreichische Hotelvereinigung | Hotellerie-Verband fordert zurück an den Start. Kritik: EU mache dieselben Fehler wie bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. |
| 16. Mai 2026 | FPÖ (Belakowitsch) | Die FPÖ Arbeits- und Sozialsprecherin der FPÖ Dagmar Belakowitsch spricht von einer „bewussten Verschleppungstaktik“. Diese sei bewusst gewählt um die „aufgebaute Freunderlwirtschaft“ zu schützen. Sei befürchtet ein EU-Vertragsverletzungsverfahren. |
| 18. Mai 2026 | Industriellenvereinigung | IV erneuert Kritik: Nein zur Bürokratielawine. Warnt vor Infragestellung des Kollektivvertragssystems. |
| 19. Mai 2026 | Industriellenvereinigung | IV weist SPÖ-Vorwürfe zurück: Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit sei geltendes Recht und selbstverständlich. |
| 26. Mai 2026 | Die Grünen (Disoski) | Disoski kritisiert, dass Frauen sich von Gesprächsrunden nichts kaufen können. Sie spricht von Sabotage und kritisiert die vermeintliche Panikmache durch die Wirtschaftskammer Österreich. |
| 28. Mai 2026 | Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), Landeshauptfrau Niederösterreich | Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), selbst von 2011 bis 2016 geschäftsführende Bundesobfrau des Österreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbundes (ÖAAB), spricht von einem „Bürokratiemonster“. |
| 28. Mai 2026 | NEOS | NEOS fordern Überarbeitung der Richtlinie auf EU-Ebene. Scheitern der Sozialpartner in mehreren Ländern zeige: Richtlinie nicht umsetzbar. Forderung nach Stop-the-Clock. |
| 7. Juni 2026 | SPÖ-Frauen Wien | SPÖ-Frauen Wien begrüßen den Vorstoß: Lohntransparenz schafft Gerechtigkeit. Fordern rasche Umsetzung für faire Bezahlung und Gleichstellung. |
| 7. Juni 2026 | WKÖ (Danninger) | Scharfe Kritik: Ministerium übergehe Sozialpartner. Entwurf ohne Einigung in Koordinierung sei falsch. |
| 7. Juni 2026 | Wirtschaftsbund (Graf) | Wirtschaftsbund: Schumann gefährde Sozialpartnerschaft und Kollektivvertragsstrukturen durch Alleingang. |
| 7. Juni 2026 | Industriellenvereinigung | IV: Schumann setze auf Gold Plating statt Praxistauglichkeit. Forderung nach Stop-the-Clock. |
| 7. Juni 2026 | WKÖ (Menz) | Entwurf ignoriere Einwände der Arbeitgeberseite. Doppelstrukturen schaffen Rechtsunsicherheit. |
| 7. Juni 2026 | SPÖ (Seltenheim) SPÖ Wien (Frauen: Hanke, Hanel-Torsch, Novak) | SPÖ verteidigt Umsetzung: Wer fair bezahlt, braucht keine Angst vor Transparenz. Vizebürgermeisterin Novak sieht Gleichstellung als Stärkung des Wirtschaftsstandorts |
| 7. Juni 2026 | Arbeitsministerium | Ministerin Schumann legt Entwurf in politische Koordinierung ein. Sozialpartnereinigung nicht zustande gekommen. |
6. Zusammenfassende Bewertung
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie ist in Österreich hochpolitisch umstritten. Während Gewerkschaften, SPÖ und Frauenorganisationen die Richtlinie als längst überfälligen Schritt zur Lohngerechtigkeit befürworten, sehen die organisierte Wirtschaft und Arbeitgeberverbände in der konkreten Umsetzungsform eine erhebliche Bürokratiebelastung und einen Eingriff in das bewährte österreichische Kollektivvertragssystem.
Bemerkenswert ist, dass die inhaltliche Zielsetzung – gleicher Lohn für gleiche Arbeit – von nahezu allen Akteur:innen als richtig anerkannt wird. Der Streit dreht sich primär um das Wie: Wie weit geht Österreich über die EU-Mindestanforderungen hinaus? Wie werden bestehende KV-Strukturen berücksichtigt? Und wie viel Bürokratie ist für Betriebe zumutbar? Die Frage ist jedoch: Werden hier Argumente aufgebaut, die keine sind? Geht es wirklich allen Akteur:innen um mehr Lohntransparenz?
Die fristgerechte Umsetzung ist formal gescheitert – eine Einigung der Sozialpartner:innen kam nicht zustande. Der von Ministerin Schumann eingebrachte Entwurf muss nun den politischen Koordinierungsprozess durchlaufen. Österreich ist damit – wie auch andere EU-Länder (Schweden, Italien) – in Verzug und die österreichischen Unternehmen / Arbeitnehmer:innen haben bis dato keine Sicherheit, wie sie mit den Vorgaben der Entgelttransparenzrichtlinie umgehen sollen. Bis dahin kann jedes Unternehmen Gehaltsspannen, Gehaltsgruppen gemäß KV definieren und die Anpassungen der Gehälter von sich aus vornehmen.
Quellen:
(1) OTS-Presseaussendung. Deloitte Österreich.Deloitte Studie: Wissenslücken und viele Hürden bei Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Österreichs Unternehmen fordern mehr Klarheit vom Gesetzgeber. OTS0014. 23.04.2026, 08:49:32
(2) OTS-Presseaussendung: SPÖ Bundesorganisation. SPÖ-Seltenheim zu Knill: Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie ist Gebot der Stunde! 07.06.2026, 13:48:32. OTS0024
(3) OTS-Presseaussendung: SP-Hanel-Torsch/Hanke/Novak: Lohntransparenz schafft Gerechtigkeit. 07.06.2026, 08:31:02
/ OTS0006
(4) OTS-Presseaussendung: UG im ÖGB am Weltfrauentag: Regeln zur Lohntransparenz sofort. 06.03.2026, 08:30:33
/ OTS0020
(5) OTS-Presseaussendung. IV zu Lohntransparenz: Schumann setzt auf Gold Plating statt Praxistauglichkeit. 07.06.2026, 13:15:32. OTS0023
(6) OTS-Presseaussendung. IV zu Lohntransparenz: Polemik absolut fehl am Platz. 19.05.2026, 13:52:06 / OTS0115
(7) OTS-Presseaussendung. IV: Nein zu Bürokratielawine durch EU-Entgelttransparenzrichtlinie. 18.05.2026, 11:55:03
/ OTS0065.
(8) OTS-Presseaussendung. IV warnt vor massiver Bürokratiebelastung durch EU-Entgelttransparenzrichtlinie. 20.04.2026, 13:37:03 / OTS0107
(9) OTS-Presseaussendung. WKÖ-Danninger übt scharfe Kritik: Arbeitsministerium übergeht Sozialpartner bei Lohntransparenz.07.06.2026, 08:44:02 / OTS0007
(10) OTS-Presseaussendung. WKÖ-Menz: Lohntransparenz-Entwurf ignoriert Einwände der Arbeitgeberseite. 07.06.2026, 16:25:32 / OTS0027
(11) OTS-Presseaussendung. WB-Graf: Schumann gefährdet Sozialpartnerschaft und bewährte Kollektivvertragsstrukturen. 07.06.2026, 11:32:32 / OTS0014
(12) OTS-Presseaussendung. NEOS: Entgelttransparenzrichtlinie jetzt überarbeiten. 28.05.2026, 11:50:02 / OTS0086
(13) OTS-Presseaussendung. Ja zu Fairness, nein zu Hyper-Bürokratie: Zurück an den Start mit der Entgelttransparenz-Richtlinie! 06.05.2026, 13:26:02 / OTS0142
(14) OTS Presseaussendung. Disoski/Grüne: „Bundesregierung scheitert bei Lohntransparenz – Frauen zahlen den Preis“.26.05.2026, 16:17:02 / OTS0156
(15) OTS Presseaussendung. FPÖ – Belakowitsch: „Heuchelei bei Lohntransparenz – Gleichstellung von Mann und Frau ist Verlierer-Ampel völlig egal!. 16.05.2026, 13:46:32 / OTS0010

