Für das Jahr 2024 verzeichnete die Statistik Austria 2.396.626 Gemeindeauspendler:innen. Anders ausgedrückt: Jeden Tag verlassen 2.396.626 Menschen ihre Gemeinde um in den Job zu pendeln. Dabei legen sie durchschnittlich 26 Straßenkilometer zurück und brauchten für die Strecke 24 Minuten.
Berücksichtigt man, dass in Österreich knapp vier Millionen Menschen in Arbeit sind, kann man sagen, dass grob jede zweite Person in Österreich zu ihrem Arbeitsplatz pendelt. Dabei unterscheiden sich die Bundesländer deutlich. Während in Wien die Pendler:innen gerade einmal 18 Minuten im Durchschnitt brauchen, sind es bei den arbeitenden Menschen in Burgenland und in Kärnten 31 Minuten.

Kurze Wege bevorzugt: 1,87 Millionen Menschen fahren weniger als 10 Kilometer zum Job
Laut einem Beitrag des VCÖ aus dem Jahr 2025 haben in Österreich rund 1,87 Millionen Beschäftigte einen Arbeitsweg von weniger als 10 Kilometern, davon sogar 1,06 Millionen weniger als 5 Kilometer. In Wien sind die Arbeitswege naturgemäß kürzer als in anderen Bundesländer (siehe Grafiken). Gleichzeitig legen 595.000 Pendler:innen mehr als 40 Kilometer zur Arbeit zurück. Weitere 383.000 Personen sind „Nichtpendlerinnen“. Sie haben ihre Arbeitsstätte im Wohngebäude.
Grundsätzlich bevorzugen Arbeitnehmer:innen also kurze Wege zum Job. Natürlich spielen auch das Arbeitsangebot, die Infrastruktur, die Dichte der angesiedelten Unternehmen eine Rolle. Im Burgendland pendeln viele Arbeitnehmer:innen täglich nach Wien. In strukturschwachen Regionen müssen ebenso längere Wegzeiten in Kauf genommen werden. Das Beispiel Vorarlberg zeigt jedoch, dass kurze Arbeitswege nicht ausschließlich von der Größe urbaner Zentren abhängen. Auch eine regionale Wirtschaftsstruktur mit vielen dezentral verteilten Arbeitgebern kann zu vergleichsweise kurzen Pendelwegen führen.

Auswirkungen auf Jobsuche und Recruiting
Natürlich hat der Wunsch oder die Notwendigkeit von kurzen Dienstwegen auch Auswirkungen auf die Job- bzw. die Personalsuche. Die geringe Bereitschaft zur überregionalen Mobilität zeigt sich nicht nur in Pendelstatistiken, sondern auch bei der Arbeitsvermittlung.
Laut einer OECD-Studie aus dem Jahre 2025 sind weniger als 10 % der Arbeitssuchenden in Wien für eine überregionale Vermittlung durch das AMS geeignet. Dazu kommt eine Branchenbeschränkung und Ressourcenverteilung: Das Arbeitsmarktservice konzentriert seine Bemühungen zur überregionalen Vermittlung auf die Tourismusbranche sowie auf gering qualifizierte Arbeitssuchende, da 80 % der offenen Stellen in Westösterreich im Tourismus liegen und 45 % der gering qualifizierten Arbeitssuchenden in Wien gemeldet sind.
Eine Studie im Auftrag des AMS Kärnten untersuchte die Auswirkung von Mobilität und Mobilitätsunterstützung auf die berufliche Integration arbeitsloser Personen in Kärnten. Folgende Erkenntnisse zu mobilitätsbezogenen Einflussfaktoren konnten im Rahmen der Studie identifiziert werden:
- Die Dauer der Arbeitslosigkeit steigt bei fehlendem Führerschein B / PKW respektive bei hoher Abhängigkeit vom öffentlichen Transport
- Je mehr potentielle Jobs innerhalb von 15 Minuten per Auto erreichbar sind, desto geringer ist die Dauer der Arbeitslosigkeit. Bei zunehmender Fahrtdauer steigert sich die Arbeitslosigkeit überproportional
- Bei einem guten Angebot im Bereich des öffentlichen Verkehrs in der Wohnort-Gemeinde sinkt die durchschnittliche
Dauer der Arbeitslosigkeit. - Je weiter die Distanz zu Haltestellen des öffentlichen Verkehrs, desto länger dauert die Arbeitslosigkeit
- Je schlechter eine Arbeitsstätte mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Vergleich mit dem eigenen Auto erreichbar ist, desto länger sind Personen im Schnitt arbeitslos.
- Je besser der öffentliche Verkehr in einer Region ausgebaut ist und je mehr Arbeitnehmer:innen auf den öffentlichen Transport zurückgreifen, desto größer ist die Konkurrenz auf die vorhandenen Jobs und somit steigt auch die Arbeitslosigkeit. Der Grund: Mit besserer Verkehrsanbindung erweitert sich der potenzielle Bewerberkreis einer Region, wodurch mehr Personen um dieselben Stellen konkurrieren.
Auswirkungen auf das Recruiting
Die Zahlen zeigen eindeutig: Menschen bevorzugen eine kurze Fahrt zum Arbeitsplatz. Die Anfahrt sollte auch leicht ermöglicht werden. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf das Rekrutieren von Arbeitskräften. Gerade bei aktiven Ansprachen spielt das Thema Mobilität eine wichtige Rolle. Bei An- und Abfahrten von jeweils einer Stunde wird es erfahrungsgemäß zunehmend schwierig Kandidat:innen für eine Position zu gewinnen. Und dabei ist noch nicht die Rede von einer überregionalen Suche.
Stefan Scheller zitiert auf Persoblogger.de eine Umfrage des Portals Jooble aus dem Jahr 2024. Die referierten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Befragt wurden 1188 Personen. Gut 83,8 Prozent der Befragten betrachten die Entfernung zum Arbeitsplatz als wichtigen Faktor bei der Wahl ihres Jobs. Dies gilt nicht nur für Büroangestellte, sondern auch für Remote-Arbeitende, von denen 76,4 Prozent die Nähe zum Arbeitsplatz als relevant einschätzen. Noch beeindruckender ist die Gegenprobe: Nur 5,8 % der Befragten empfanden die Distanz zum Arbeitsplatz als unwichtig.
Laut Arbeitsmarkt-Kompass von marketagent sehen die Befragten in Österreich einen maximalen Arbeitsweg von 22,4 Kilometer als Maximaldistanz (Median), die sie bewusst in Kauf nehmen. Also auch hier wird bestätigt, dass auch in Österreich die Länge des Arbeitsweges entscheidend für die Jobwahl ist.

Was können Unternehmen tun
Wichtig ist natürlich die Standortwahl. Bei jeder Unternehmensansiedlung spielt die Erreichbarkeit des Unternehmens eine wichtige Rolle: für Kund:innen, aber auch für die eigenen Mitarbeiter:innen.
Bereits in Stellenanzeigen sollte die Erreichbarkeit aktiv kommuniziert werden. Angaben zu Öffi-Anbindung, Parkmöglichkeiten, Home-Office-Regelungen oder Fahrkostenzuschüssen können die Attraktivität einer Position deutlich erhöhen.
Weitere Mobilitätsanreize können sein:
- Pendlerzuschuss oder Fahrtkostenerstattung
- Aktives Organisieren von Fahrgemeinschaften bei den Mitarbeiter:innen
- Home-Office-Möglichkeiten
- Gleitzeit um eine flexible Anfahrt zu ermöglichen
- Mobilitätsbudget, das frei für Bahn, Bus, Fahrrad, Carsharing oder E-Scooter genutzt werden kann
- Dienstwagen oder Car-Allowance
- Zuschüsse für E-Bikes und Fahrradleasing
- Übernahme von Parkkosten oder Ladeinfrastruktur für E-Autos
- Tankgutscheine
- Übernachtungsmöglichkeiten (bei langen Arbeitszeiten und anfallenden Überstunden)
Die Daten zeigen deutlich: Der Arbeitsweg ist weit mehr als eine organisatorische Randbedingung. Für viele Arbeitnehmer:innen stellt er ein zentrales Entscheidungskriterium bei der Jobwahl dar. Gleichzeitig beeinflusst die Erreichbarkeit eines Arbeitsplatzes die Größe des verfügbaren Bewerbermarktes und damit unmittelbar den Rekrutierungserfolg eines Unternehmens. Arbeitgeber:innen haben einen Vorteil, wenn sie Mobilität und Pendelzeiten nicht nur als Infrastrukturthema betrachten, sondern als wichtigen Bestandteil ihrer Recruiting- und Employer-Branding-Strategie.
Wie groß ist die Bedeutung des Arbeitsweges tatsächlich?
Das möchten wir auch von Ihnen wissen. In unserer nächsten Umfrage gehen wir der Frage nach, welche Pendeldistanzen Arbeitnehmer:innen heute akzeptieren, welche Mobilitätsangebote besonders attraktiv sind und ab wann ein Arbeitsweg zum Ausschlusskriterium wird. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.
Quellen:
- Statistik Austria: Arbeitsort und Pendeln. LINK
- VCÖ: VCÖ: Fast die Hälfte der Beschäftigten hat einen Arbeitsweg von weniger als 10 Kilometern (Presseaussendung). LINK
- OECD (2025), Addressing Regional Labour Market Imbalances in Austria, OECD Reviews on Local Job Creation, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/0cf6186b-en.
- Simhandl, Julia; Raffler, Clemens; Hackl, Roland; Doiber, Marlene: Die Auswirkungen von Mobilität und Mobilitätsunterstützung auf die berufliche Integration arbeitsloser Personen in Kärnten. Herausgeber_in:Arbeitsmarktservice Kärnten. 2025. LINK
- Scheller, Stefan: Ist der Arbeitsweg ein entscheidender Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers? Persoblogger.de, 11. 12. 2024. LINK
- Marketagent.com online reSEARCH GmbH. Arbeitsmarktkompass. Arbeitsmarkkompass.at

