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Österreich ist Europameister

Euroskills Team Österreich

Österreich ist Europameister. Wie gern hätten Österreichs Fußballfans diesen Spruch gelesen! Das Nationalteam schied in Frankreich bekanntlich in der Vorrunde aus. Trotzdem wurde Österreich Europameister. Allerdings nicht in Frankreich, sondern im Norden Europas, in Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens. Hier fand die “EuroSkills” vom 30. November bis zum 04. Dezember statt. Insgesamt nahmen 493 Facharbeiter/innen aus 28 Ländern statt an der “Europameisterschaft der Fachkräfte” teil. Das Euroskills-Team-Austria bestand aus 35 Teilnehmer/innen – 9 Damen und 26 Herren – , die sich in  29 Einzel- bzw. Teamberufen mit Unterstützung von 29 Expert/innen (=Trainer/innen) den einzelnen fachlichen Herausforderungen stellten.

Österreich wurde Europameister vor Finnland, Frankreich, Deutschland (sic!!) und den Niederlanden. Der Präsident der Österreichischen Wirtschaftskammer sieht dieses Ergebnis als Bestätigung für die duale Ausbildung in Österreich: „Die Erfolge in Göteborg sind eine Bestätigung für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Dualen Bildungssystems, der berufsbildenden Schulen und der heimischen Ausbildungsbetriebe bei der Heranbildung qualifizierter Fachkräfte, die Österreich benötigt, um auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“. Die zahlreichen Medaillen und Diplomauszeichnungen für die Facharbeiter/innen stellen angesichts der PISA-Debatte ein wichtiges Signal für den Ausbildungsstandort Österreich dar. Es mutet fast schon wie Ironie an: Im PISA-Ranking sackt Österreich im europäischen Vergleich ab, im direkten Vergleich der Facharbeiter/innen ist  Österreich “europäische Weltklasse”, wie es der Fußballspieler Mario Sonnleitner angesichts der Leistungen des SK Rapid in der Euroleague 2015 so schön formulierte. Selbst der ORF sprach angesichts des Titels der österreichischen Fachkräfte von einem “rot-weiß-roten Wintermärchen.”

And the winner is…

Österreich holte in fünf Kategorien Gold.  Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass Lisa Janisch nicht nur die Goldmedaille in ihrer Disziplin gewann, sondern auch noch mit einem Sonderpreis als ‘Best of Europe’ ausgezeichnet wurde. Die Steirerin hatte das beste Punkte-Ergebnis aller Teilnehmer/innen erzielt. Auch die Veranstaltung in Göteborg  an sich war rekordverdächtig und ein Riesenerfolg. Normalerweise finden in der Scandinavium Arena große Sportveranstaltungen wie die Eishockey-WM 2002 statt. Doch heuer zog der Wettbewerb der besten Fachkräfte 75.000 Besucher/innen an, was eine enorme Resonanz darstellt – und die Herausforderung für die Wettbewerbsteilnehmer/innen noch einmal verstärkte. Denn ähnlich wie bei Wettkämpfen im Sport mussten sich die jungen Fachkräfte nicht nur der Expert/innen-Jury stellen, sondern arbeiteten vor (vorbei)laufendem Publikum. Erschwerend wirkte sich die Tatsache aus, dass die Besucher/innen meist Schulkinder waren, die zur Euroskills kamen, um sich Berufe live und in Farbe anzusehen. Schön für die Kids, extrem herausfordernd für die Wettbewerbsteilnehmer/innen, die bisweilen auch mit der Technik kämpfen mussten – und das unter Zeitnot und Wettkampfbedingungen.

Die weiteren Goldmedaillengewinner für Österreich sind:  Fabian Gwiggner (Grafiker) und Christoph Schrottenbaum (Restaurantservice) sowie Markus Thurnes (Sanitär- und Heizungstechnik) und Thomas Rudlstorfer (Steinmetz), der seine Goldmedaille ziemlich cool kommentierte: “Jetzt kann ich einfach sagen; ok – ich bin Europas bester Steinmetz. Das ist unbeschreiblich.”

Silber ging an: Matthias Moser (Elektrotechnik), Stefan Fuchs (Fliesenleger) und Daniela Lengauer (Hotel Rezeptionistin), die es mit besonders gefinkelten Aufgaben, wie vermeintlich betrunkenen Gästen zu tun hatte, sowie Manuela Wechselberger (Köchin) sowie Katharina Strasser und Gabriel Rauch (Landschaftsgärtner/innen).

Bronze holten Thomas Schwarzinger (Anlagenelektrik), Katrina Pichlmayer und Johannes Ladreiter (Entrepreneurship), Isabella Schierl und Eva-Maria Resch (Mode Technologie) sowie Michael Kranawetter (Spengler).  Zusätzlich müssem 9 sogenannte Medaillon-Gewinner/innen erwähnt werden. Das Diplom „Medallion for Excellence“ ergeht an Facharbeiter/innen, die eine sehr hohe Punktzahl erreicht haben, es allerdings nicht auf das “Stockerl” schafften. Ein “Medaillon” erging an: Sandro Zupan (CNC-Fräsen), Verena Paar (Floristik), Sandra Wimmer (Friseurin) sowie Bernhard Simader (Kälteanlagentechnik), Kevin Rath (KFZ-Technik), Dominik Stauffer (Landmaschinentechnik), Oliver Pieber (Maurer), Hannes Scheba und Michael Steinbauer (Mechatronik) sowie Markus Kieslinger (Schweißen). Insgesamt erreichte Österreich damit den ersten Platz in der Nationenwertung noch vor Finnland, Frankreich und Deutschland. Es wäre also angebracht den Fußball-Cordoba-Mythos von 1978 zu begraben und mit einem Augenzwinkern auf die Euroskills zu verweisen…

Rechnet man die Anzahl der Medaillen nach Geschlecht, fällt auf, dass die insgesamt 9 Damen vom Team Austria nicht weniger als 7 Medaillen und 2 Medaillons holten, was eine beeindruckende Ausbeute ist. Anders formuliert: Alle weiblichen Facharbeiter/innen des österreichischen Teams konnten eine Auszeichnung gewinnen und holten mit Lisa Janisch auch noch die “Best-of-Europe”-Wertung. Die österreichischen Facharbeiterinnen schlagen mit diesem Ergebnis die männlichen Kollegen um Längen. Neben der bereits erwähnten Lisa Janisch,  sollte man auch Manuela Wechselberger erwähnen. Auf den ersten Blick scheint es nicht unlogisch, dass eine Köchin eine Silbermedaille holt. Dies ist allerdings ganz und gar nicht der Fall. Auf diesem Level ist die Küche eine Männerdomäne und Manuela Wechselberger steht stellvertretend für die wachsende Anzahl an Spitzenköchinnen, die ihr Können unter Beweis stellen. Auch wenn Lisa Janisch und Manuela Wechselberger in eher männlichen Bereichen gewannen, erfolgt die Berufswahl in Österreich auch noch 2016 so, dass es nachwievor typische Männer- und Frauenberufe gibt. Ein Blick auf die Medaillenträger/innen bestätigt dies bis zu einem gewissen Grad – da Janisch und Wechselberger sicherlich Ausnahmen von der Regel sind.

Der österreichische Erfolg ist kein Zufall

Der Erfolg des österreichischen Teams in Göteborg war kein Zufall. Um als Facharbeiter/in bei der Euroskills dabei sein zu können, müssen erst einmal die heimischen Staatsmeisterschaften geschlagen werden. Danach erfolgt eine präzise Vorbereitung. Lisa Janisch trainierte neben ihrer Arbeit 900 Stunden zusammen mit ihrem Trainer. Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass das (berufliche) Umfeld mitspielt. Ähnlich wie beim Fußball, müssen die Betriebe ihre Fachkräfte für die Teamtrainings, die Bewerbe und die offiziellen Anlässe abstellen. Die Teilnehmer/innen werden durch die sogenannten “Expert/innen” auf den Bewerb vorbereitet, die in der Regel nicht die vertrauten Ausbildner/innen, Kolleg/innen oder Lehrer/innen sind. Das österreichische Team hatte zudem mehrere Trainingslager  – so zum Beispiel am  21. und 22. September 2016 in Linz. Neben dem fachlichen Können und der Maßarbeit (oft im Millimeterbereich) sind bei der Euroskills auch Disziplin, Teamgeist und Durchhaltevermögen gefragt. Beim Teamseminar in Linz standen mentale Trainings sowie Teambuilding auf dem Programm, um die Teilnehmer/innen sowohl körperlich als auch geistig zu stärken. Es ist also nicht so, dass man “en passant” diesen Bewerb gewinnt und die Euroskills als nette Abwechslung gesehen werden. Um Chancengleichheit zu gewähren, werden die Aufgaben des Bewerbs  vorher bekannt gegeben; um jedoch die Aufgabe zu erschweren und einen Überraschungseffekt zu erzielen, ändern die Expert/innen 30 Prozent der vertrauten Aufgabe vor dem Bewerb. Die Leistungsdichte wird bei der Euroskills dadurch noch größer, da es eigentlich nur Pflicht und kaum eine Kür gibt. Auch in punkto Ausrüstung und Werkzeug überließ das österreichische Team nichts dem Zufall. Es wurden knapp 4 Tonnen eigenes Werkzeug nach Schweden mitgenommen, um die Facharbeiter/innen bestens auszustatten.

Hohe Erwartungen

Das rot-weiß-rote Team trat 2014 mit 36 Teilnehmer/innen in Lille (Frankreich) an. Man holte damals 7 Goldmedaillien, 5 Silbermedaillen und 5 Bronzemedaillen – insgesamt 19 Auszeichnungen, davon 17 in Einzeldisziplinen. Damals erreichte der oberösterreichische Anlagenelektriker Oliver Anibas die höchste Punktezahl unter allen Teilnehmer/innen und gewann den Titel “Best of Europe” – ein Kunststück, das 2016 von Lisa Janisch wiederholt wurde. Auch wenn man 2016 weniger Goldmedaillen erzielte, war das Endergebnis mehr als zufriedenstellend. Man konnte den Titel als beste Nation verteidigen. Die Leistung in Schweden ist also noch höher einzustufen als jene von Lille, denn die Titelverteidigung ist in den meisten Wettbewerben erst das wahre Meisterstück.

Interessant ist noch ein Detail: Während die meisten Mitglieder des Euroskills-Teams aus Oberösterreich und der Steiermark stammten, wartete das bevölkerungsreichste Bundesland Wien “nur” mit drei Lehrlingen auf. Das Burgenland schickte leider keine Vertreter/innen nach Göteborg. Kärnten und Vorarlberg waren jeweils “nur”mit einem Teilnehmer dabei; allerdings trat der  Vorarlberger Christoph Schrottenbaum – der übrigens Gold in seiner Kategorie holte – als “Legionär” an. Er arbeitet seit gut drei Jarhen bei “About Dinner by Heston Blumenthal” in London und kann sich rühmen bereits die Queen getroffen zu haben. Das Lokal wurde 2014 mit einem zweiten Michelin-Stern ausgezeichnet und zählt zu den besten 50 Restaurants der Welt. Der Chefkoch Heston Blumenthal hat ein Faible für historische englische Gerichte, die er neu interpretiert.

Euroskills 2020 in Graz

Insgesamt ist diese Bundesländer-Verteilung vielleicht auch ein Indiz für die Tatsache, dass bei allem “Raunzen” über fehlende Fachkräfte die lokale Komponente sicherlich eine Rolle spielt – und der Mangel an Fachkräften nicht nur auf die demografische Entwicklung abgeschoben werden kann. Vielleicht braucht es mehr Legionäre oder Talente, die aus dem vertrauten Umfeld ausziehen um sich ihrer Passion hinzugeben und sich nicht nur mit dem unmittelbar Greifbaren zufrieden stellen.

Neben dem österreichischen Euroskills-Team gewann insbesondere die Stadt Graz.  Die “Euro Skills 2020” wird in der steirischen Landeshauptstadt stattfinden: In vier Jahren wird es also ein Heimspiel in Graz werden, was den Druck sicherlich noch einmal steigern wird. Die steirische Landeshauptstadt hat sich in der Endausscheidung gegen die finnische Hauptstadt Helsinki durchgesetzt. Das stand allerdings bereits vor dem Bewerb fest. Die “Euro Skills” kommt nach 33 Jahren erstmals wieder nach Österreich. Die Auswirkungen seien jetzt schon positiv. Man habe in Graz ein Plus von 3,5 Prozent bei den Lehrstellen  zu verzeichnen, was u.a. auch auf die Euroskills-Euphorie zurückzuführen sei.

Die nächste Auflage der europäischen Berufsmeisterschaften findet 2018 in Budapest statt, wo es natürlich nicht nur darum geht, erneut viele Medaillen zu gewinnen. Auch in Ungarn will man zeigen, wie gut der österreichische Fachkräftenachwuchs ist. Außerdem stellt die Euroskills als Veranstaltung eine unschätzbare Quelle des Austausches dar. Vertreter/innen aus Behörden, Handwerk und Bildungseinrichtungen sowie Partnerunternehmen bekommen mit den Berufsmeisterschaften  eine einmalige Plattform für den direkten Austausch untereinander.

Außergewöhnliche Leistungen sind nur mit den richtigen Partner/innen zu leisten. Neben den zahlreichen Expert/innen, die den Facharbeiter/innen zur Seite standen und auch in den einzelnen Fachjurys beim Bewerb vertreten waren, wird das “Skills Austria-Team” von Engelbert Strauss aus Deutschland unterstützt. Das Engagement des Arbeitsbekleidungsherstellers für das österreichische Team liegt nicht unbedingt auf der Hand. Das Unternehmen mit einem Standort in Linz, bildet in Österreich selbst keine Lehrlinge und Fachkräfte aus, verfügt aber in Deutschland über ein weitreichendes Ausbildungskonzept. Engelbert Strauss zeigt, dass das duale Ausbildungskonzept – mit praktischer Erfahrung im Betrieb und theoretischer Ausbildung in einer pädogogischen Einrichtung – auch auf das Studium ausgeweitet werden kann. Nebenbei bemerkt könnten die österreichischen Bronzegewinnerinnen Isabella Schierl und Eva-Maria Resch (Mode Technologie) sicher spielend für den Teamausstatter Engelbert Strauss arbeiten. Ihre Aufgaben im Bereich Modetechnologie bestanden aus folgenden Themen: Eine vorgegebene Arbeitshose nachschneidern und drei Jacken respektive Hosen designen, schnittzeichnen und selbst nähen. Die Teile sollten an Workwear angelehnt sein…

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