Leise Abschied nehmen vom “Zielpunkt”

Regal im Zielpunkt

Regal im Zielpunkt

“Ich fühl’ mich echt wie eine Leichenfledderin”, sagte meine Frau leise, als wir am Samstagnachmittag des letzten Adventwochenendes aus unserer Zielpunktfiliale in den Nebel hinaustraten. Tatsächlich war die Situation gespenstig, die Regale weitgehend leer, einige waren sogar komplett leer geräumt. Fleisch- und Wurstregale strahlten im kalten Neonschein um die Wette und präsentierten eine gähnende Leere, die viele Kinder des Prinzips der Allzeitverfügbarkeit nur aus Erzählungen kennen. Andere Frischwaren sollten schnell zur Neige, in den Getränkeregalen standen nur mehr vereinzelte Flaschen, aufgefädelt nach dem Arche-Noah-Prinzip (von jeder Sorte zwei). Auf den ehemaligen Plakathaltern richteten die Arbeitnehmer/innen den Kund/innen und Filialtourist/innen “Frohe Weihnachten” aus. Gleichzeitig brachten Sie in ihre Trauer über das bevorstehende Ende mit einem Edding-Stift zum Ausdruck. Für Galgenhumor fehlte offensichtlich die Zeit, denn es strömten Menschen herein, die vielleicht doch noch etwas kaufen wollten. Die meisten von ihnen kauften verstohlen ein bis zwei Artikel. Der Besuch wurde für uns – als Immer-wieder-Kund/innen  zu einer wahren Abschiedstour.

Offensichtlich versuchte man mit Lockangeboten – 30 Prozent Preisreduktion auf das gesamte noch vorhandene Sortiment – die letzten Waren an den Mann respektive an die Frau zu bringen. Meine bessere Hälfte und ich nutzen die Gelegenheit um unsere Bestände an Non-Food-Artikeln wie Spül- und Waschmittel aufzustocken. Zuckerln, Schokolade und Weihnachtsschirmchen wanderten ebenso ins Wagerl. “Wir brauchen zwar nicht alle Waren, aber ich hoffe, dass das Geld, das wir hier ausgeben, dann doch bei den Angestellten ankommt”, sagte ich halblaut mit einer Mischung aus Resignation, Naivität und Trotz. Ich sagte es wie gesagt hableise – doch zwischen den weitgehend leer geräumte Regalreihen konnte man es gut hören, vor allem da die Weihnachtsbedüdelung komplett fehlte. Wir schiebten das Wagerl zur Kassa und zahlten fast 100 Euro. Die meisten Dinge brauchen wir nicht ad hoc, aber es ist uns egal. Es war ein letzter Einkauf. Wir sagten der Kassierin, die im Grätzl wohnt, “Auf Wiedersehen” und unterließen es geflissentlich “Frohe Festtage” oder etwas ähnlich Unpassendes zu sagen.

“Ich fühle mich wie eine Leichenfledderin” – ja das trifft es ziemlich gut. Hoffen wir, dass 2016 keine größeren Unternehmen zum Abschuss freigegeben werden.

1 reply
  1. Elisabeth
    Elisabeth says:

    Ja irgendwie kommt das Gefühl der Leichenfledderei auf, aber für mich ist es noch immer unverständlich das knapp vorher noch in etliche Filialen investiert wurde…schon etwas eigenartig. Mir tun die MitarbeiterInnen sehr leid und es ist zu hoffen das alle wieder eine Job bekommen. Mittlerweile wurde an alle das Novembergehalt und die Weihnachtsremuneration ausbezahlt, dass ist zumindest positiv in dem ganzen Debakel.

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