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Die schöne Welt des Scheiterns

Noch nie war das “Scheitern” so in aller Munde, noch nie wurde so offen über persönliche Fehltritte und Misserfolg gesprochen, wie in den letzten Jahren. Ja, man kann fast schon von einer (neuen) Kultur des Scheiterns sprechen.

Eine ganze (Berater)Industrie scheint sich um den Begriff des Scheiterns zu spinnen. Aber was verstehen wir genau unter “Scheitern”.

Die Herkunft des Wortes

Schiffe können so zum Beispiel “scheitern”. Gemeint ist das Auflaufen auf eine Klippe oder einen Felsen. Im Gegensatz zum “Stranden” kann das “gescheiterte” Schiff nicht mehr so leicht seetauglich gemacht werden. Der Rumpf ist meistens zerschellt. Im 17. Jahrhundert hat man das Wort “zerscheitern” verwendet, das sich von  “der Scheit” herleitet, wie es im Holzscheit steckt. Es hat also die Bedeutung, dass etwas Ganzheitliches in Stücke zerschlagen wird.

Überträgt man diese Bedeutung auf Menschen, wäre das Scheitern gleichzusetzen mit einem Schiffsbruch, also mit einem größeren Schaden; etwas Ganzes wird in seine Stücke zerteilt – meist durch Kräfte von außen. Dass dieses Scheitern auch absolut und unwiderruflich sein kann, ist eine Spezialität von “Eheschließungen”. Diese werden – sofern eine kirchliche Trauung vorliegt – ja mit dem Versprechen der Ewigkeit gegeben. Die Ehe ist dann gescheitert, wenn die Lebensgemeinschaft der Ehegatten nicht mehr besteht  und nicht erwartet werden kann, dass die Eheleute sie wiederherstellen. Die Vorstufe wäre die Zerrüttung. Gerade dieser Kontext zeigt, dass das “Scheitern” meist etwas sehr Entgültiges darstellem kann.

Aber was soll am Scheitern nun lustvoll sein oder uns gar glücklich machen?  Nun schon seit einigen Jahren gibt es die Tendenz, die uns “scheitern” als etwas zu Erstrebendes verkaufen möchte. Scheitern wird die kleine Schwester des Erfolgs 2013 schrieb “die Zeit”:

Der erfolgreichste Gescheiterte, der blamierteste Erfolgsmensch der deutschen Märchenwelt heißt Hans. Sein Nachname lautet: im Glück. Denn Hans verkörpert das Glück, wenn auch jenseits aller Stereotype. Was Glück und Erfolg für jemanden bedeuten, ist relativ. Ein Kranker ist glücklich, wenn der Schmerz nachlässt. Er braucht keinen Ferrari. Der lebensrettende Erfolg des Ein- oder Ausgesperrten besteht im schlichten Öffnen einer Tür. Erfolg – der Zwillingsbruder des Glücks – hängt also allein von der Beschaffenheit jenes Ziels ab, das zu erreichen man sich gewünscht hat. Und Menschen wählen mitunter sehr eigene Ziele. (…)

Für den Leser erzählt Hans im Glück vom Scheitern, für den Protagonisten selbst ist es eine Erfolgsgeschichte. Aus dieser Spannung gewinnt das Märchen seinen tieferen Sinn. Der Leser lacht schadenfroh über den Dummen, er fühlt sich überlegen. Er denkt allein in ökonomischen Kategorien. (die Zeit 27. 12. 2013)

Und vielleicht liegt hier der Reiz über das “Scheitern” nachzudenken und sogar Anleitungen für das “richtige” Scheitern zu schreiben. In einer durchökonomisierten Welt in der Erfolg in vielen Fällen mit Besitz gleich gestellt wird, muss das Fehlen von Besitz direkt als “Scheitern” angesehen werden. Das Wirtschaftsmagazin “brand eins” widmet die Ausgabe 11/2014 ebenfalls dem Thema “Scheitern”. Der Lead gibt die Marschrichtung vor.

“Scheitern gehört zum Leben und zur Wirtschaft.Und es bedeutet schon lange nicht mehr den Untergang. Wer gewinnen will, muss auch verlieren können – und ausprobieren, was geht.” (brand eins 11/2014)

Auch die Ausgabe 1/2015 von “Spiegel Wissen” greift das Thema aus  – und zwar in Form des “richtigen” Scheiterns. Ein Schelm wer Böses denkt – aber gibt es selbst im Moment des Scheiterns oder des Versagens auch noch die Möglichkeit des “falschen” Scheiterns. Mit anderen Worten: es wird behauptet, dass es einen richtigen und einen falschen Weg des Scheiterns gibt. Um dies noch zu toppen bietet der sogeannte Karriere-Spiegel “10 Punkte für ein schönes Scheitern an”. Dabei ist Scheitern ja zunächst eine persönliche und individuelle Sache, da wir alle unterschiedliche Maßstäbe haben. Weiter noch: Scheitern und Erfolg bieten also eine eigenwillige Dialektik –  auch nichts Neues. “Try and error” ist wohl die verbreiteste Form des Lernens und Experimentierens – Scheitern inbegriffen. Auf der anderen Seite wollen wir immer zu jenen gehören, die gewinnen. Denn ständiges Verlieren ist langweilig und wenig sexy. Scheitern tut weh. Es nagt an unserem Selbstwertgefühl. Außerdem ist die Opposition zwischen Gewinner/innen und Verlierer/innen, von jenen, die Erfolg haben und jenen, die scheitern, fixer Bestandteil jener Erzählungen, die wir Gesellschaft nennen. Auch wenn es schlussendlich eine Sache der Perspektive ist, ob wie scheitern oder gewinnen, so zählen am Ende nur die Punkte. Der olympische Gedanke des Dabeiseins ist selten der Maßstab, ab dem Scheitern und Reüssieren gemessen werden.

Was hilft es, wenn ein Fußballverein Jahre lang gegen den Abstieg spielt und es jedes Jahr schafft die Zweitklassigkeit zu vermeiden? Wahrlich; für die Fans und die Klubverantwortlichen ist das Halten der Klasse jedes Jahr ein Erfolg; für den Rest der Welt bestenfalls: “zur Kenntnis genommen”.  Erfolg und Niederlage definiert sich also nicht nur an den eigenen Zielen – obwohl es das sollte, sondern auch am überall vorhandenen Wettkampf. So ist die von Trainer/innen in allen Sportarten gerne eingesetzte Floskel “Wir schauen nur auf uns … und dies von Spiel zu Spiel” eigentlich ein Widerspruch an sich. Man schaut auf die anderen, man schaut auf die Konkurrenz – weil sie definieren (auch) den Erfolg. Dieses System des sich Vergleichens und der Konkurrenz, das Erfolg erst definiert, ist deshalb so wichtig, weil es uns den Eindruck von Messbarkeit gibt.

Aufgrund des Erfolgsdrucks die selbst oder fremdbestimmten Ziele zu erreichen, wird daher meist nicht die Strategie des fröhlichen Herumexperimentierens (inklusive Stehaufqualitäten) gewählt. Nein, die meisten von uns gehen lieber auf Nummersicher”. Wir versuchen vorher schon das Risiko zu minimieren, weil wir das Scheitern fürchten. Dieser Zugang ist berechtigt und vernünftig, ist jedoch weder eine Garantie für einen Erfolg, noch das Rezept für weite Sprünge. Vor allem weil der Faktor Zeit auch noch zu berücksichtigen ist.

Ein Ausweg kann das vernunftgeleitete Handeln sein, wie es Marc Aurel bereits in seinen “Selbstbetrachtungen” darstellt. Der späte Stoiker sieht die Teilhabe an einer allgemeinen Vernunft und in der Gelassenheit als wichtige Ingredienzien.

“Empfinde keinen Ekel, laß deinen Eifer und Mut nicht sinken, wenn es dir nicht vollständig gelingt, alles nach richtigen Grundsätzen auszuführen; fange vielmehr, wenn dir etwas mißlungen ist, von neuem an und sei zufrieden, wenn die Mehrzahl deiner Handlungen der Menschennatur gemäß ist, und behalte das lieb, worauf du zurückkommst. Kehre zur Philosophie nicht wie zu einer Zuchtmeisterin zurück, sondern wie die Augenkranken zum Schwämmchen oder zum Ei oder ein anderer zum Pflaster oder zum Wasserstrahl. Denn alsdann wird es keine Qual für dich sein, der Vernunft zu gehorchen, vielmehr wirst du dich ihr vertrauensvoll anschließen. Bedenke doch nur, daß die Philosophie nur das verlangt, was auch deine Natur verlangt. Du aber wolltest etwas anderes, etwas Naturwidriges? Was von beiden ist anziehender? Täuscht uns nicht oft die Lust durch den Schein? Sieh nur einmal zu, ob nicht Hochherzigkeit, Geistesfreiheit, Einfalt, Billigkeit und Unsträflichkeit doch anziehender sind. Oder was ist anziehender als eben die Einsicht, wenn du darunter die Fertigkeit des Vermögens der Erkenntnis und des Wissens verstehst, in allem ohne Anstoß und glücklich seine Zwecke zu erreichen?”

Die Philosophie als Heilerin im Falle des Scheiterns. Eine wahrlich charmante Idee. Vor allem ist das “Du” in Marc Aurels Selbstbetrachtungen kein Ratgeber-Du, sondern die Grundlage für die Disputatio mit sich selbst. Die Kategorien, die der Stoiker Marcus Aurelius einsetzt, gehen natürlich über das rein individuelle, das wir sehr oft mit dem Scheitern verbinden hinaus. Wichtige Kategorien sind die Vernunft, aber auch das Handeln zum Gemeinwohl, ebenso wie Wahrheit und Erkenntnis. Vor allem ist der Mensch auf sich allein gestellt und für sich allein verantwortlich. Ein Scheitern erscheint ihm unmöglich, wenn man nach den richtigen Grundsätzen handelt und diese Grundsätze leiten sich aus der Vernunft ab. Die Naturgesetze sind per se vernünftig. Dies gilt es zu erkennen. Die stoische Ethik zielt auf Gleichgültigkeit in seiner wortwörtlichen Bedeutung ab. Alle Dinge sind gleich gültig. Daher sollte man auch zur Philosophie zurück kehren, wenn es nicht vollständig gelingt, nach der Vernunft zu handeln. Die sprichwörtliche stoische Gelassenheit passt in einem profanen Sinn gut zu einer Kultur des Scheiterns, wie wir sie heute gerne verstehen. Aber nicht Rückzug und Kontemplation sind die Methoden um diese Gleichgültigkeit und Gelassenheit zu erreichen, sondern das Tun und das Handeln. Dabei sind Marc Aurel Werte wie Geld, Ruhm und ähnliches verhasst – zumal der Tod die Grenze ist.  Genau diese Werte sind es, die das Scheitern zu unerträglich machen.

Wenn wir also über das lustvolle Scheitern und Scheitern als Chance reden, bewegen wir uns vordergründig also nicht auf der Ebene eines Marcus Aurelius. Wir müssten ausblenden, dass wir einem Bewertungs- und Wertesystem verpflichtet sind, das versucht  Erfolg zu quantifizieren. Hans im Glück war das Wurscht, weil er sich außerhalb dieses Wertesystems befand und er den Gegenständen, die für uns einen gewissen Wert darstellen, eben diesen Wert aberkannte. Die Tauschgeschäfte des Hans im Glück sind vielmehr die Eckpfeiler einer Reise zu sich selbst und nach Hause und markieren die Stationen nach Hause. Der Erfolg bestand auf einer zweiten Ebene darin, dass Hans im Glück den jeweiligen Gaunern und Tauschhändlern ein gutes Gefühl gab – vielleicht unbewusst und unbeabsichtigt. Auf jeden Fall strahlt dieser Hans im Glück die Gelassenheit, Ruhe und Gleichgültigkeit aus, die Marc Aurel fordert und die wie so dringend brauchen – bevor das Scheitern zu einem noch größeren Hype wird.

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