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Das Märchen vom Fachkräftemängel

Am 30. Oktober strahlte 3sat die Dokumentation “Der Arbeitsmarktreport – das Märchen vom Fachkräftemangel” aus, die 2014 von Ulrike Bremer für den “hr” gedreht und bereits in der ARD ausgestrahlt wurde. Der Titel der Doku ist weniger eine Frage, der es journalistisch und ergebnisoffen nachzugehen gilt, als vielmehr eine These, die von den Autor/innen belegt werden soll. Auch der Anreißer im 3sat-Programm gibt die Marschrichtung der Doku vor. “Sehen Sie (…) einen Film, der zeigt was sich hinter dem seit Jahrzehnten beklagten Fachkräftemangel verbirgt und einen Kommentar zur aktuellen Situation gibt. “Der Arbeitsmarktreport” deckt Hintergründe auf und zeigt, wie Lobbyverbände und Wirtschaft Einfluss auf den Arbeitsmarkt nehmen.

Wenn in der Doku von Fachkräften die Rede ist, dann sind Ingenieure (m/w), Ärzte und Pflegepersonal (m/w) gemeint. Kurz wird, anhand eines spanischen Paares, das nach Deutschland gekommen ist um der heimischen Arbeitslosigkeit zu entfliehen, die Arbeit an CNC Maschinen dargestellt. Ansonsten werden keine Fachbereiche bearbeitet. Im Zentrum der Doku steht der VDI (Verein deutscher Ingenieure), der angeblich gebetsmühlenartig über  die fehlenden Fachkräfte lamentiert. Der Film versucht durch verschiedene Beispiele die These von den fehlenden Fachkräften im Ingenieurwesen zu entkräften. Eine mir auch aus dem eigenen Berufsleben bekannte Situtation ist jene des “Dismatchs”. Recruiter/innen und Unternehmen zeigen sich enttäuscht, wenn eine Agentur für eine Stelle nur sechs (!!) passende Kandidat/innen anbietet, von denen vier (!!!) passgenau auf die Ausschreibung sind. Ein weiteres Thema sei, so ein IT’ler, der die Konkurrenz von indischen Bluecard Mitarbeiter/innen zu spüren bekam, dass die Ausschreibungen immer selektiver und enger werden würden, wodurch natürlich ein Engpass entstehe; ganz zu schweigen davon, dass die gute, alte Einarbeitungszeit einer Plug&Play-Mentalität gewischen sei, wie es eine Personaldienstleisterin auf den Punkt bringt.

Auch die interviewten Bewerber/innen zeichnen ein anderes Bild zum Thema Fachkräftemangel. In der Tat beschreibt eine sehr gut ausgebildete Ingenieurin (Jahrgangsbeste mit erster beruflicher Erfahrung), dass sie bei 45 Bewerbungen gerade einmal drei Vorstellungsgespräche erhielt. Auch andere Absolvent/innen zeichnen ein ähnliches Bild. Auf 5 Stellen würden mehrere hundert Bewerber/innen kommen, was sämtlichen Statistiken des Fachkräftemangels widersprechen würde.

Ein tatsächlicher Fachkräftemangel sei in bestimmten Regionen tatsächlich zu verzeichnen. Dies würde aber nicht am fehlenden Personal auf dem Gesamtmarkt liegen, sondern eher an der Tatsache, dass Anreize fehlten, um diese Jobs anzunehmen (Infrastruktur, Gehalt etc.). Auch dieses Thema sollte in Österreich nicht unbekannt sein.  “Employer Branding” wird als eine Möglichkeit gesehen, Fachkräfte zu finden und zu binden. Die Firma Grohe dient als Beispiel.

Wieso ist es so “leicht” von Fachkräftemangel zu sprechen?

Wie können Agentur für Arbeit und VDI so leicht vom Fachkräftemangel sprechen? Die Bundesagentur für Arbeit spricht von Fachkräftemangel, wenn auf eine ausgeschriebene Stelle “nur” drei Bewerber/innen kämen, respektive wenn es überhaupt einen Rückgang an Bewerbungen auf diverse Stellenangebote gibt. Auch die These vom “demografisch motivierten Mangel” können die befragten Wirtschaftswissenschaftler nicht bestätigen. Bei den Ärt/innen sei der Nummerus clausus zum Teil  Schuld am Fachkräftemangel. Diese These lässt sich mit Blick auf die Aufnahmeverfahren an den österreichischen Medizinfakultäten schon eher bestätigen. Dass der VDI sich stark für ein Herabsenken der Verdienstuntergrenzen bei Ingenieur/innen macht, um dem vermeintlichen Fachkräftemangel entgegen zu wirken, zeigt welche Fahne hier wirklich in den Wind gestellt wird.

Auch wenn man zart darauf hinweist, dass es durchaus Regionen und Branchen (Ärzte und Pflegepersonal müssen stellvertretend als Beispiel dienen) gibt, in denen tatsächlich ein Mangel herrscht, macht die Doku ein klares Statement: Der Fachkräftemangel wird herbeigeredet und geschrieben um Preise und Löhne zu drücken.  Auch sei der Braindrain aus Spanien und Griechenland oder Indien kalkuliert. Spezialist/innen, die man aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit abziehen würden, stabilisierten das deutsche System, sorgten für günstige Arbeitskräfte und würden den Volkswirtschaften der betroffenen Länder (Griechenland ist prominent in der Doku vertreten) nachhaltig schaden, zumal Deutschland stark vom Export lebt.

Bleibt die Frage, ob das Märchen vom Fachkräftemangel auch auf Österreich zutrifft. Meldungen in den hiesigen Medien lassen darauf schließen. Ob die Ursachen ähnliche sind, wie jene, die Ulrike Bremer in ihrer Doku für Deutschland schwerpunktmäßig für den Bereich Medizin und Ingenieurswesen beschreibt, bleibt zu beantworten… To be continued.

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