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Bewerbung und Recruiting: Raus aus der Warteschleife

Recruiting und Bewerbungen sind oft mit Warten verbunden. Manch eine/r würde sagen, dass der Bewerbungsprozess etwas mit "Warten auf Godot" zu tun hat.
Neulich ist es mir wieder passiert. Ich habe proaktiv einen Kandidaten (Facharbeiter) bei einem Unternehmen angeboten und es hat mehrere Wochen gedauert, bis dann endlich eine Absage eingetroffen ist. Wenn ich ein Profil eines verheißungsvollen Kandidaten (m/w) ausschicke, fasse ich selbstredend spätestens nach einer Woche nach. Nicht selten werde ich immer wieder  vertröstet und es ziehen die Tage und Wochen ins Land.
Das Prozedere scheint auf den ersten Blick bewährt. Die Recruiter/innen posten ein Stellenangebot über die eigene Website oder schicken es über die Jobbörse aus und warten auf die entsprechenden Bewerbungen potenzieller Mitarbeiter/innen. Selten genug setzen die Verantwortlichen,  die sich der Wartekomponente des Prozesses bewusst sind, von sich aus eine Bewerbungsfrist, die sie im optimalen Fall dann auch den Kandidat/innen bekannt geben. Auf jeden Fall gibt es nur zwei Währungen: Zeit und Geld – und beide spielen eine wichtige Rolle im Recruitingprozess, da sie wie zwei Waagschalen miteinander verbunden sind.
Etliche Kandidat/innen gehen ähnlich vor. Sie warten bis ein passendes Inserat in den bevorzugten Jobbörsen und Suchmaschinen aufscheint, schicken eine Bewerbung an die genannte E-Mail-Adresse (passenderweise natürlich eine allgemeine office@irgendwas.at oder eine bewerbung@irgendwo.com) und warten ihrerseits auf eine Antwort. Auch hier gibt es die Währungen Zeit und Geld, die miteinander verbunden sind. Da Bewerber/innen oft wenig Geld in die Bewerbungen investieren wollen, ist Zeit ein wesentlicher Faktur. Man schickt per E-Mail oder Online-Formular eine Bewerbung ab – und wartet. Fazit: Dieses gegenseitige Warten führt ein wenig zur Passivität auf beiden Seiten und hat mit aktivem Bewerbungsmanagement respektive aktiver Bewerbungsarbeit wenig zu tun. Gut Ding braucht eben nicht immer Weile, schon gar keine Langeweile.

 Warten wird belohnt: Zur Absage gibt es Schokolade dazu

Grund genug sich einmal über das Warten im Bewerbungsprozess einige Gedanken zu machen. Es gibt verschiedene Formen des Wartens. “Warten ist nicht nur langweiliges Herumsitzen beim Arzt, ängstliches Abwarten einer Prüfung oder sehnsuchtsvolles Erwarten der Geliebten”, schrieb Rodion Ebbighausen in seinem Essay über “Das Warten”. Die drei verwendeten Beispiele zeigen welche Emotionen mit dem Prozess des Wartens verbunden sind: Langeweile, Sehnsucht und Furcht. Diese drei Emotionen machen auch die Grundemotionen, die mit Warten verbunden sind, aus. Warten kann jedoch auch etwas Positives haben. Voraussetzung ist allerdings, dass sich das Warten lohnt. Gerade im Bewerbungsprozess sollte das Warten mit etwas Positivem belohnt werden. Und so komisch es klingt: Ein schnelles Verfahren und ein sauberes Absagemanagement können da schon zielführend sein. Wie mir einige der von mir unterstützten Bewerber/innen versicherten, würde eine Supermarktkette bei Absagen an die Bewerber/innen Gutscheine für Schokolade mitschicken. Nun muss dies kein allgemein gültiges Muster sein, aber es zeigt, woher der Wind weht. Und wie gesagt: eine halbwegs gut formulierte Absage, die auch noch einen persönlichen Touch hat oder ein erstgemeintes Eissschreiben (=Evidenz) sind da auch schon eine Möglichkeit. Warten ist – so meine Erfahrung – für die meisten Menschen zumindest unangenehm. Die Schriftstellerin Lenka Reinerová in “Das Geheimnis der nächsten Minuten” stellt sich und dem/der Leser/in folgende Frage:
“Was ist eigentlich Warten? Ein Zustand, in den man versetzt wird, den man mitunter selbst wählt, der einem allerdings oft sogar richtig aufgezwungen wird. Warten ist etwas ganz anderes als Erwarten. Man wartet auf einen Menschen, auf ein Transportmittel, eine Nachricht. Aber man erwartet ein Ereignis, eine Änderung im Leben. Man weiß, daß das Dasein einen Anfang, jedoch auch ein Ende hat. Ein Ende, dem nichts mehr folgt. Das erwartet man nicht. Man weiß davon, kann es nicht ändern, muß sich damit abfinden.” (Reinerová; 2009; 24).
Dies führt mit Sicherheit dazu, dass wir die Spanne, die uns bis zum sicheren Ende bleibt, nicht allzu gerne mit Warten ausfüllen. Das weiter oben beschriebene sehnsuchtsvolle Warten ist hingegen ein zielgerichtetes Warten und ist meist die einzig akzeptierte Form. Noch einmal die Frage:
 Was ist eigentlich Warten? Ein Zustand, in dem man sich befindet, den man nur ungern wählt, der allerdings oft nicht zu umgehen ist? Oder eine Bestätigung, von der man sich etwas verspricht, was aber bei weitem nicht zutrifft? (Reinerová; 2009; 86)

Niemand wartet gerne. Man wählt das Warten selten freiwillig. So geht es auch den Parteien in unserem kleinen Wartespiel. Die Unternehmen wollen normalerweise schnell und zügig Bewerber/innen einstellen. Die Bewerber/innen wollen zumindest in einem zeitnahen Rahmen eine kompetente Antwort seitens der Unternehmen bei denen sie sich bewerben. Die Unternehmen wissen, dass sie schnell und zügig die Bewerbungen bearbeiten sollten; die Bewerber/innen wissen ebenso, dass sie durchaus nachfragen dürfen, wenn sie über einen gewissen Zeitraum nichts von der Firma hören. Und trotzdem kommt es zu langen Wartezeiten. Der Grund kann durchaus sehr profan und banal sein.

“Der Grund sei, dass viele Unternehmen zu wenig Leute und Zeit haben, um sich intensiv um die Personalauswahl zu kümmern. Deshalb rät Bockholdt dazu, den Kreis von Bewerbern oder Kandidaten, zu denen der Kontakt gehalten werden soll, nicht zu groß werden zu lassen. “Lieber ein kleiner Datenbestand, dafür ein feiner.” Dann sei es auch leichter, den persönlichen Kontakt zu pflegen. “Eine Mail zum Geburtstag oder eine Einladung zu einer Messe oder einer Diskussionsveranstaltung kann der richtige Ausdruck von Wertschätzung sein.” (Stephan Maaß. Gute Arbeitgeber lassen Bewerber nicht warten. die WELT, 01. 11. 2014)

 Und warum fragen viele Bewerber/innen nicht nach und signalisieren so womöglich fehlendes Interesse? Die Antwort liegt auf der Hand: Aus Angst oder Furcht. Und weil es viele Bewerbungsratgeber/innen und Artikel so raten. Die Angst eine Abfuhr zu bekommen, scheint größer als die Sehnsucht nach dem Job. Aber Angst ist ein schlechte Ratgeber. Ein freundliches Nachfassen nach einer Woche, zeigt auf jeden Fall Interesse an der ausgeschriebenen Position. Es ist mir auch schon passiert, dass man mir offen sagte, noch “keine Zeit” gehabt zu haben (wahrscheinlich, weil nicht mit einem Nachfassen gerechnet wurde). In solchen Fällen vereinbare ich nach Möglichkeit eine Deadline.

“Warten” und “Erwarten”

Der Grund für das lange Warten kann also wirklich an dem liegen, das Reinerová etwas kryptisch “eine Bestätigung, von der man sich etwas verspricht, was aber bei weitem nicht eintrifft” nennt. Im Deutschen ist der Sprung vom Warten zur Erwartung nur ein sehr kleiner. Die englische Übersetzung verdeutlicht jedoch, dass Warten und Erwartung eigentlich nur wenig miteinander zu tun haben. “to wait” versus “to expect”. Die Bewerber/innen warten geduldig auf eine Antwort, fürchten sich jedoch gleichzeitig davor, “da man sich etwas verspricht, was aber bei weitem nicht eintrifft.” Man kann den Satz von Reinerová auch als Umschreibung für das Wort “Absage” werten. Aber auch die Recruiter/innen warten auf den oder die ideale Bewerber/in. Um diese Erwartungen nicht zu gefährden, beginnt man zu warten.
Hinzu kommt sicher eine gewisse Kultur der Unverbindlichkeit. Gerade als Betriebskontakter passiert es mir immer wieder, dass Kandidat/innen vereinbarte Termine nicht einhalten. Dies kann aber auch bei Unternehmen passieren, wo etwa beim Empfang niemand etwas von einem Bewerber oder einer Bewerberin weiß. Und in diesen Fällen gesellt sich dann eine mögliche vierte Emotion zu den drei Grundemotionen des Wartens: nämlich der Ärger, der Ärger darüber warten zu müssen, weil man versetzt wurde. Der Ärger darüber, dass die vereinbarten Spielregeln einseitig nicht eingehalten worden sind. Dies kann natürlich zu einem dauerhaften Schaden in der Reputation führen. Auf jeden Fall fließt “vergebliches” Warten in den Erfahrungsschatz ein und sorgt dafür, dass wir noch skeptischer werden und uns – egal ob Unternehmen oder Bewerber/in – noch mehr absichern wollen, was erneut zu einem längeren Prozess des gegenseitigen Zuwartens führen kann.
Einen sehr spannenden Blogbeitrag wurde von Martina Kettner auf dem karriere.at-Blog veröffentlicht. Link: Recruiting: Lange Time-to-Hire kostet Top-Kandidaten und den guten Ruf

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